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Streit – kaum einer möchte ihn und doch lässt er sich nicht immer verhindern. Ich war vor kurzem Zeugin und Vermittlerin in einem Streit, in dem sich extrem anschaulich verschiedene Phasen und Zustände beobachten ließen. Diesen Streitablauf möchte ich hier beispielhaft schildern, weil das Wissen um die Zustände, in denen man sich befindet, helfen kann, schneller wieder auf eine bewusste Ebene zu wechseln und heilsame Erkenntnisse zu gewinnen. So kann aus einem hoch emotionalen Geschehen am Ende eine konstruktive Entwicklung mit wertvollen Wachstumsgeschenken werden.

Du streitest nie über das, worüber du denkst, dass du streitest

Die Auseinandersetzung zwischen Alex und Luisa begann in der Küche. Auslöser waren scharfe Worte, die Alex an Luisa richtete, weil er fand, sie hätte nach ihrem Kochen nicht ordentlich sauber gemacht. Er bemängelte eine Fleck auf dem Kochfeld. Luisa ging sofort unter die Decke und konterte mit einem ebenso geladenen Kommentar. Ein Wort folgte aufs nächste und im Nu hatten sich beide so richtig in der Wolle.

Wenn ein Streit so schnell Fahrt aufnimmt, kann man davon ausgehen, dass es nicht wirklich um den sachlichen Gehalt geht, der Inhalt des Streits ist. Ein Fleck auf dem Ceranfeld ist im Normalzustand kein Grund, so scharf zu werden, wie Alex in der Situation.

Als ich hinzukam, waren die beiden bereits auseinander gegangen und wollten nicht mehr miteinander reden. Beide schäumten vor Wut. Jeder von ihnen war vollkommen überzeugt davon im Recht zu sein.

Auch wenn es sich so anfühlt: Es geht nicht ums Recht haben

Ich hörte mir beide nacheinander in Ruhe an, ohne mich auf eine Seite zu schlagen. Beide erzählten mir eine in sich schlüssige Geschichte, warum sie jeweils alles Recht auf ihre Wut hätten und warum die Schuld auf jeden Fall beim anderen lag. Wenn ich nur eine Seite gehört hätte, wäre die Versuchung da gewesen, der Person beizupflichten, denn beide Geschichten waren intelligent und gekonnt vorgetragen.

Ich hörte zwei ganz verschiedene, aber jeweils in sich stimmige Geschichten, die beide die Wut der Protagonisten vollständig zu erklären schienen. Wenn ich mich auf die Inhaltsebene begeben hätte, wäre der Konflikt nicht zu lösen gewesen. Denn keinem hätte man mehr Recht geben können als dem anderen. Genau das ist das Wesen eines Streits: Das Gefühl, total im Recht zu sein. Und das auf beiden Seiten.

Was will gesehen werden?

Es begannen Gespräche, bei denen ich als Vermittlerin fungierte. Zuerst arbeitete ich mit beiden einzeln heraus, was wirklich hinter dem Gefühl der Verletztheit stand. Es stellte sich heraus, dass im Fall von Alex sich über einen längeren Zeitraum einiges angestaut hatte. Er hatte sich mehrfach übergangen gefühlt und einer seiner Grundwerte – das Mitdenken für die Gemeinschaft – war in den letzten Wochen mehrfach verletzt worden. Er hatte es nicht geschafft, dies frühzeitig anzusprechen, weil er die Harmonie nicht gefährden wollte. Der Fleck auf dem Herd und ein überquellender Mülleimer ließen das Fass dann überlaufen.

Luisa konnte diesen Ausbruch (natürlich) nicht verstehen, da sie keine Ahnung von der Vorgeschichte hatte und fühlte sich vollkommen zu Unrecht gemaßregelt. Gleichzeitig sprang bei ihr eine Abwehrreaktion an, weil sie der autoritäre Tonfall von Alex massiv triggerte. Sie fühlte sich als Blitzableiter missbraucht, nicht ahnend, dass ihr Verhalten der letzten Zeit dabei eine Rolle spielte.

Ich als Mittlerin konnte die Sichtweise des jeweils anderen frei von emotionaler Ladung in den wesentlichen Aspekten kommunizieren. Die beiden hätten das alleine zu dem Zeitpunkt nicht geschafft.

Wenn kindliche Verletzungen sich melden

Wenn sehr starke Emotionen im Spiel sind, kann man sicher sein, dass sie ursächlich nicht aus diesem Moment stammen. Die aktuelle Situation hat lediglich den Auslöser geliefert. Die Ursache liegt fast immer in einer gespeicherten kindlichen Verletzung. Kinder erleben ihre Emotionen in einer sehr puren Form. Wer schon mal ein wütendes Kleinkind erlebt hat, das sich schreiend auf den Boden schmeißt, weiß, was ich meine. Wenn einen erwachsenen Menschen seine Emotionen so stark überrollen, dass er keine andere Sicht als die eigene mehr zulassen kann, dann steckt fast immer eine Kindheitsverletzung dahinter. In diesem Zustand ist Versöhnung meist nicht möglich. Da ist es besser auseinanderzugehen und sich erst einmal um sich selbst zu kümmern.

In den zwei auf den Küchenstreit folgenden Tagen begannen Luisa und Alex mit meiner Hilfe mehr und mehr zu reflektieren, was in ihnen abgelaufen war und welche ursächlichen Prägungen sie jeweils mitbrachten. Diese waren – was sehr typisch für solche Dynamiken ist – genau gegensätzlich. Alex war darauf gepolt, immer für alle mitzudenken. Luisa konnte sehr gut für sich selbst sorgen, was auf Alex wie der pure Egoismus wirkte.

Mit der Zeit konnte Alex sich eingestehen, dass er an diesem Punkt von Luisa etwas lernen kann: Nämlich gut für sich zu sorgen. Genau dies hatte er über längere Zeit vernachlässigt und auch im Zusammensein der letzten Wochen nicht getan.

Und Luisa konnte erkennen, dass sie die Neigung hat, sich immer mehr auszubreiten, wenn sie keine begrenzenden Signale empfängt. Und sie konnte erkennen, dass ihr ausgeprägtes Sich-um-sich-kümmern damit zu tun hatte, dass sie Alex nicht zur Last fallen wollte.

Beide spürten nach zwei Tagen, dass sie an ihren Kernthemen angekommen waren und konnten jeweils eine sehr reflektierte, versöhnliche Nachricht an den anderen schicken. Beide haben durch diesen mehrstufigen Prozess einen Zuwachs an Bewusstsein für die eigenen zugrunde liegenden Verletzungen gewonnen sowie die Erfahrung eines konstruktiven Streitverlaufs gemacht.

Und ich habe die wesentlichen Bestandteile eines heftigen Streits fast lehrbuchartig vorgeführt bekommen und möchte die wichtigsten Punkte noch einmal zusammenfassen:

  • Man streitet fast nie um das, von dem man denkt, dass man darüber streitet.
  • Wenn sehr starke Emotionen im Spiel sind, liegt die Ursache fast immer in der Kindheit.
  • Wenn man das Gefühl hat, hundertprozentig im Recht zu sein, ist man es nicht. Man ist in einem aktivierten Zustand in dem sich das Kindheits-Ich meldet.
  • Man ist dann im Erwachsenenmodus, wenn man sich auf eine andere Sicht des Geschehens gedanklich einlassen kann.
  • Wenn man aktiviert ist, kann man nicht konstruktiv kommunizieren. Man geht besser auseinander und kümmert sich erst mal um sich selbst.
  • Meist lebt der andere etwas, das man selbst nicht integriert hat. Manchmal gibt es da etwas zu lernen. Frage: Was spiegelt der andere mir gerade?

Vielleicht hilft diese Checkliste dir zu einem konstruktiven Umgang mit der nächsten Konfliktsituation.

 

Foto: Gerd Altmann