Zwei Hände die ein verängstigtes Wesen halten

Die Welt scheint sich gerade in zwei Lager zu teilen:

Im einen Lager befinden sich die Menschen mit Angst vor Corona und die diese Angst auch für angemessen halten,
im anderen diejenigen, die diese Angst nicht haben oder nicht wollen und die versuchen, Zuversicht zu verbreiten.

In manchen Diskussionen bekommt man den Eindruck, dass die beiden Lager miteinander batteln, wessen Haltung die größere Berechtigung hat.
Die einen sagen: „Die Angst ist total berechtigt, schau dir doch die Nachrichten an! Gesundheitsorganisationen und Regierung sagen das alles ja nicht zum Spaß. Angst ist ein wichtiger Faktor zum Überleben, sie will uns auf Gefahren aufmerksam machen.“

Die anderen sagen: „Angst schwächt, auch das Immunsystem. Liebe und Vertrauen stärken. Und in diesen Zeiten brauchen wir jede Stärkung, die wir bekommen können. Angst hält dich gefangen, macht eng und abhängig. Innerlich frei bist du nur ohne die Angst.“

Der Sinn der Krise

Ich glaube, wenn wir versuchen, uns gegenseitig von der Richtigkeit unserer jeweiligen Haltung zu überzeugen, dann geht das Wesentliche an uns vorbei – nämlich die Auseinandersetzung mit dem, was gerade in dir passiert.

Jede Krise hat nur ein Ziel: Sie will uns entwickeln und reifen lassen.
Genauso ist das mit dieser Krise. Schon jetzt sehen wir, dass ganz vieles plötzlich denkbar wird, was vorher fast unerreichbar schien:

  • Wir verzichten aufs Fliegen und Reisen. Die Natur kann aufatmen und beginnt in atemberaubender Geschwindigkeit darauf zu reagieren.
  • Kinder müssen nicht in die Schule gehen und haben plötzlich ganz viel Zeit mit ihren Eltern. Kindgerechte, ungeregelte Aktivitäten wie freies Spielen und gesunde Langeweile dürfen wieder sein.
  • Das Thema bedingungsloses Grundeinkommen steht plötzlich ernsthaft im Raum.
  • Menschen engagieren sich füreinander, zeigen sich solidarisch, helfen anderen Menschen.
  • Es findet ein Wertewandel statt: Kreativität und Solidarität treten an die Stelle von Bequemlichkeit und Konsumdenken.

Wir werden durch diese Krise in unseren alten Denk-, Fühl- und Handlungsgewohnheiten erschüttert, und zwar deutlich! Alles wird plötzlich in Frage gestellt. Das verunsichert die meisten von uns. Aber die Menschen gehen unterschiedlich damit um. Die einen fühlen Angst und halten sie für absolut berechtigt, die anderen versuchen, alle positiven Ressourcen in sich zu mobilisieren und weigern sich, der Angst Raum zu geben. Und dann gibt es ganz viele Menschen dazwischen, die vermutlich gerade nicht wissen, was genau in ihnen eigentlich gerade abgeht und was sie wirklich fühlen.

Verstehen, was in dir passiert

Ich fragte mich selbst in den letzten Tagen, wie ich meine emotionale Lage benennen soll und komme erst so nach und nach dahinter. Ich spüre, dass die Panik zwar verführerisch ist und es leicht wäre, sich davon anstecken zu lassen. Ich spüre aber auch ganz klar, dass sie mir nichts nützt und ich sie nicht will. Deshalb entscheide ich mich bewusst dagegen.

Wenn man an einen größeren Sinn hinter all dem glaubt – und das tue ich, denn die positiven Veränderungen sind offensichtlich – geht es um eine kollektive Reifung.
Die Reifung von uns als Gesellschaft.
Und diese wiederum entsteht aus der Reifung jedes einzelnen Individuums. Insofern macht es total Sinn, wenn ich mich auf einer tieferen Ebene einmal mit meinen Gefühlen auseinandersetze und schaue, was mir die Krise – ganz persönlich – zeigen möchte.

Welche Gefühle löst sie aus?
Womit konfrontiert sie mich?

 

Die Angst verstehen

Ich habe das Gefühl, dass in mir gerade das alte und das neue Bewusstsein miteinander kämpfen. Doch bevor das neue Bewusstsein sich wirklich wohltuend und voller Vertrauen in mir ausbreiten kann, wollen die ganzen alten Ängste, die mit dem alten Bewusstsein verbunden sind, noch einmal angeschaut werden. Sie melden sich gerade mit großer Wucht:

  • Völlige Unklarheit darüber, welchen Meldungen ich glauben kann und welchen nicht
  • Angst vor der (nicht selbst gewählten) Veränderung in meinem Leben
  • Sorge um die berufliche Existenz
  • Getrenntsein von Angehörigen
  • Angst vor Krankheit und Hilflosigkeit
  • Angst davor, jemanden zu verlieren
  • Und das Gefühl der totalen Ungewissheit in Bezug auf das, was kommen wird

Diese Auflistung beschwört in mir unweigerlich Bilder aus Kriegszeiten herauf. Die Mischung aus Unsicherheit, Nicht-Wissen und Angst war prägend für meine Eltern und Großeltern, die den Krieg erlebt haben. Und mit den Folgen habe auch ich emotional zu tun.

Wenn ich überlege, nach welchen Kriterien mein Vater sein Leben geführt hat, dann steht als Überschrift in großen Lettern über allem das Wort

SICHERHEIT

Nicht Liebe, Vertrauen oder Verbundenheit, Glück oder Gemeinschaft, nein, sein Leben, das in der Kindheit von so viel Unsicherheit und Ängsten geprägt war, hatte als oberstes Ziel die Sicherheit und die Vermeidung von angstvollen Gefühlen.

Transgernationale Weitergabe von Themen

Doch wie das so ist mit Themen, die nicht wirklich verarbeitet wurden: Sie werden weitergereicht. Mein Vater, der alles getan hat, um nie wieder so viel Unsicherheit und Angst zu erleben, wie damals, hat mir genau dieses Gefühl vererbt. Das Bedürfnis meines Vaters nach Sicherheit war lange Zeit so präsent in meinem Leben, dass es sich fast wie ein Grundgesetz anfühlte. Unmöglich, es in Frage zu stellen.

Das war mir lange Zeit nicht bewusst. Doch angesichts einer angespannten Situation, wie wir sie derzeit haben, drängt der ganze emotionale Ballast ans Licht, um geheilt und in Frieden gebracht zu werden.

In der Aufstellungsarbeit erlebe ich ständig, wie sehr die traumatischen Erlebnisse der Kriegsgeneration das Leben der jetzt Erwachsenen prägen und behindern. Ein sehr prägnantes Beispiel dazu ist dieses:

Eine Frau kam mit einer musikalischen Blockade zu uns. Sie musizierte sehr gerne und brachte auch einiges an Talent mit. Doch jedes Mal, wenn sie sich an ihr Instrument setzen wollte, konnte sie das nicht. Irgendetwas hinderte sie, so dass sie sich nicht aufraffen konnte. Mit normalen Maßstäben kaum zu verstehen.

In der Aufstellung wurde sichtbar, dass für sie das Musizieren Ausdruck echter Freude war. Ihr Credo war: „Musik ist Freude“. Umso seltsamer eigentlich, dass sie dieser Freude nicht folgen konnte. Verstehbar wurde es erst, als wir ihre Großmutter mit ins Bild nahmen. Die Person, die in der Rolle der Großmutter stand, äußerte den Satz: „Freude ist Verrat.“ Sie hegte ein tiefes Misstrauen gegen alle freudvollen Gefühle, empfand sie als Bedrohung für das Weltbild, das sie sich aufgebaut hatte.
Dies stieß auf volle Resonanz bei unserer Teilnehmerin, die bestätigte, dass sie diese Haltung von ihrer Oma kenne. In ihr selbst hatte dies zu einem unbewussten Konflikt geführt zwischen dem eigenen berechtigten Wunsch nach Glück/Freude und der Loyalität gegenüber der geliebten Großmutter, deren Glaubenssatz „Freude ist Verrat“ unbewusst an sie weiteregegeben worden war.

Diese Geschichte zeigt sehr deutlich, wie sehr wir von den unbewussten Gefühls- und Glaubensmustern unserer Vorfahren beeinflusst werden.
Diese Anteile, die wir alle im unterbewussten Speicher mit uns herumtragen, sind die Ursachen dafür, dass wir in bestimmten Bereichen nicht so frei fühlen, denken oder handeln können, wie wir es eigentlich möchten.

Transformation

Doch geht es genau darum: Wir sollen zu freien, erfüllten, liebenden Menschen werden. Das ist unser Entwicklungsauftrag. Das ist es, was wir alle (insgeheim) anstreben. Der Weg dorthin führt über unser ganz persönliches Schattenreich. Wenn wir uns diesem zuwenden, dann können wir die Schmerzen annehmen und heilen, die unsere Eltern nicht fühlen konnten. Unserer Klientin ist es gelungen, ihre Not sichtbar und fühlbar zu machen und gehen zu lassen.

Mit jedem liebevollen Umarmen eines Schmerzes, der auftaucht, mit jedem Durchfühlen bis zum Ende, heilst du ein Stück mehr. Und diese Heilung trägst du in die Gemeinschaft.

Corona verschafft uns die Häuslichkeit, dass wir uns verstärkt unseren Themen zuwenden können. Es öffnet die Gefühlskiste, in der wir unliebsame Emotionen fest verschlossen glaubten.

Und ich bin mir sicher: In dem Maße, wie wir emotional heiler werden, gesunden auch unsere Körper.

 

 

 

Hinweis: Der Name „Der Krieg in mir“ ist entliehen von dem kürzlich erschienenen Film von Sebastian Heinzel

Foto: John Hain, Pixabay

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